|  19. August 2015
aktualisiert am 15.10.15 14:11h

Ein Wachhund für die Schifffahrt

Eine Trefferquote von 300 bis 500 pro Tag klingt nach einem Erfolg. Doch lieber wäre es Ken Rohlmann und seinem Team, wenn die Zahl dieser Treffer sinkt. Denn die Gefahrgutabteilung von Hapag-Lloyd sucht mit ihrer Software „Watchdog“ nach Gefahrgut, das vermutlich falsch deklariert ist. Watchdog hat im vergangenen Jahr rund 162 000 Verdachtsmomente in den Buchungsdaten der Reederei aufgespürt. Bei über 2600 geplanten Transporten bestätigte sich der Verdacht: Hier sollten Gefahrgüter nicht oder falsch deklariert auf die Reise geschickt werden.

Ein spektakuläres Beispiel zeigt, dass auch andere Reedereien mit diesem Problem zu kämpfen haben. Als 2012  die „MSC Flaminia“ der niedersächsischen Reederei  NSB in Brand geriet, analysierte die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BfS) die Ereignisse später gründlich. Dabei nahmen die Spezialisten auch die Gefahrgutdaten unter die Lupe. Das Schiff hatte 2876 Container geladen. Darunter 149 Container, die 54 verschiedene Gefahrgüter enthielten.

„Detaillierte Stau- und Ladepläne lagen der Bergungsfirma und den zuständigen Behörden seit Beginn der Bergungsmaßnahmen vor“, betont NSB. Und der Untersuchungsbericht der BfS bestätigt, dass die überwiegende Anzahl der Güter richtig deklariert war. Doch in etwa jedem zehnten der knapp 400 Container im Laderaum 4, in dem der Brand ausbrach, waren Bezeichnungen für Gefahrgüter falsch, ungenau oder hätten weitergehende Hinweise auf spezielle Eigenschaften enthalten sollen.

Der Untersuchungsbericht der BfS bestätigt, dass die überwiegende Anzahl der Güter richtig deklariert war. Doch in etwa jedem zehnten der knapp 400 Container im Laderaum vier, in dem der Brand ausbrach, waren Bezeichnungen für Gefahrgüter falsch, ungenau oder hätten weitergehende Hinweise auf spezielle Eigenschaften enthalten sollen.

„Die durch die Mängel oder Nachlässigkeiten entstehenden Gefahren sind unterschiedlich zu bewerten“, heißt es im Abschlussbericht der BfS. Zumindest teilweise hätte eine andere Stauung für mehr Sicherheit an Bord gesorgt. Doch dazu hätten die Absender die Reederei besser informieren müssen.

Auch Hapag-Lloyd kennt das Problem und versucht, mit Hilfe der Technik dagegen anzugehen. Die Eigenentwicklung „Watchdog“ ist dazu schon seit einigen Jahren im Einsatz. Sechs Kataloge mit heute rund 6000 Suchbegriffen verknüpfen bestimmte Informationen so, dass möglicherweise falsch oder gar nicht deklarierte Gefahrgutladung angezeigt wird.

Jede einzelne Buchung geprüft

Die Gefahrgutspezialisten der Reederei durchsuchen an ihren Rechnern in Hamburg kontinuierlich und systematisch alle Buchungen weltweit. Das Programm reagiert auf generische Begriffe wie hazardous und dangerous und forscht nach Synonymen und Handelsnamen wie bleaching powder. Hinterlegt sind auch Kandidaten wie drone, gun, radar aus dem militärischen und catalyst, used aus dem Abfallbereich. Dazu kommen Begriffe aus der Welt der Radioaktivität, etwa cobalt-60. Die Pflanzenschutzbehörde Hamburg hat weitere rund 400 Suchbegriffe beigesteuert.

Wird in einer Buchung einer dieser Begriffe verwendet, und der Hinweis auf die Gefahrgutkennzeichnung fehlt oder passt nicht, erhält Rohlmanns Team ein Warnsignal. „Unser Ziel ist es, alle potenziellen Treffer täglich abzuarbeiten“, erklärte der Gefahrgutbeauftragte der Reederei auf dem Storck-Symposium, einem Treffen von Gefahrgutexperten, in Hamburg. Diese Recherche nach den korrekten Stoffinformationen sei oft aufwendig, aber es gelte die Devise: keine Verladung ohne endgültige Klärung. Die Absender sind manchmal ahnungslos und manchmal einfallsreich: Da werden Abschnitte in Sicherheitsdatenblättern gelöscht, technische Bezeichnungen geändert.

Im besten Fall findet Hapag-Lloyd die Ladung, bevor sie an Bord ist. „Das ist der Großteil“, sagt Rohlmann. Konsequenzen sind: nachträgliche Buchung als Gefahrgutsendung, Umstaumaßnahmen, wenn der Container schon an Bord ist, „oder als Ultima Ratio das Anlaufen eines Nothafens zum Abladen des Containers, was wir zum Glück bisher aber noch nicht hatten“, sagt Rohlmann.

Im Interesse der Sicherheit für Mannschaft, Schiff und die restliche Ladung behält sich die Reederei auch vor, bestimmte Sendungen abzulehnen. Doch Rohlmann weiß, dass damit das eigentliche Problem noch nicht aus der Welt ist: „Die Ware findet ihren Weg!“ (kl/sm)

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