06. August 2018

Reeder zwischen Turnaround-Euphorie und Trump-Depression

Die deutschen Reeder sind so zuversichtlich wie seit Jahren nicht mehr, sorgen sich aber, dass die Politik durch Handelsrestriktionen den erkennbaren Aufschwung in der Schifffahrt zunichte machen könnte. Das geht aus der aktuellen Reeder-Studie des Beratungsunternehmens PWC hervor. „Man muss festhalten, dass es eine große Verunsicherung gibt“, sagte Claus Brandt, der Leiter des maritimen Kompetenzzentrums bei PWC. Auf der anderen Seite werde aus den Antworten der 100 Reeder und 20 Führungskräften aus dem maritimen Cluster aber auch deutlich, dass die Befragten mögliche Handelskonflikte als eine vorübergehende Erscheinung erachten. Brandt: „Langfristig gibt es kein Zurück von der Globalisierung.“

Zwei Drittel der befragten Reeder erwarten der aktuellen Analyse zufolge negative Folgen durch die aktuelle US-Handelspolitik auf die deutsche Schifffahrtsindustrie. Dazu könnte demnach neben Schutzzöllen und Sanktionen auch ein Überangebot an Transportkapazitäten wegen rückläufiger Transportmengen gehören. Auf der anderen Seite glauben aber ebenfalls zwei Drittel, dass der Welthandel langfristig wieder auf einen stabilen Wachstumspfad zurückkehrt.

Immerhin 81 Prozent der Führungskräfte gehen denn auch davon aus, dass die Ladungsmengen in den kommenden fünf Jahren steigen, 74 Prozent erwarten bereits ein spürbares Wachstum in den kommenden zwölf Monaten. „Es ist viel Optimismus im Markt. In den vergangenen Jahren war der Anteil der Optimisten geringer“, unterstreicht Brandt und verweist beispielsweise auf gestiegene Charterraten in der ersten Jahreshälfte 2018. 72 Prozent gehen davon aus, dass der Aufwärtstrend bei den Raten anhält. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr setzten gerade einmal 33 Prozent auf anziehende Charterraten. Ähnlich positiv sind die Praktiker auch bei den Frachtraten gestimmt. 70 Prozent gehen von steigenden Transportpreisen aus. 2017 lag der Wert nur bei 43 Prozent.

Entsprechend positiv gestimmt wollen die Reeder auch in den kommenden zwölf Monaten agieren. Nur jeder Zehnte geht davon aus, Mitarbeiter entlassen zu müssen, vor zwei Jahren waren es noch doppelt so viele. Und nur 30 Prozent der Reeder glauben, Schiffe verkaufen zu müssen. Das sind ebenfalls nur halb so viele wie vor zwei Jahren.

Ein „Weiter so!“ kann es dennoch nicht geben, davon ist die Mehrzahl überzeugt. So möchten zwei Drittel neue Geschäftsfelder erschließen – auch, weil beispielsweise schon die Hälfte der Befragten davon ausgeht, dass der 3D-Druck dazu führt, dass künftig weltweit mehr Rohstoffe und weniger Fertigprodukte transportiert werden. Experte Brandt hält denn auch eine Abkehr der deutschen Charter-Reeder weg vom Containerschiff hin zu Bulkern für möglich. Allerdings gebe es in dem Feld mit China auch einen großen Wettbewerber.

Ein Umdenken ist Brandt zufolge auch deshalb notwendig, da viele Reeder in den vergangenen Jahren zu reinen Lieferanten der Logistikdienstleister geworden seien. „Wenn sie mehr von der Wertschöpfung abhaben möchten, müssen sie weitere Dienstleistungen anbieten“, sagt er.

Immerhin 22 Prozent der Befragten können sich dabei vorstellen, den Spieß umzudrehen und künftig „Kopf der Transportketten“ zu sein und sich anderer Logistikdienstleister zu bedienen. Dies gilt insbesondere für größere Reeder, während sich kleinere eher in der Rolle sehen, anderen Logistikern mit Schifffahrtsdienstleistungen und nautischem Know-how unter die Arme zu greifen.

Deutsche Flotte unter Druck

Sieben von zehn Reedern sorgen sich um den Fortbestand der deutschen Flotte. Sie ist durch die lange Schifffahrtskrise deutlich geschrumpft. Bei der letzten offiziellen Veröffentlichung vor einem Jahr umfasste sie noch rund 2.700 Schiffe, das sind etwa 1.000 weniger als zu den besten Zeiten. Brandt erwartet, dass es nicht weniger als 2.000 Schiffe werden.

Mit der deutschen Flotte verbinden zwei Drittel der Befragten den Sitz des Managements in Deutschland und damit auch Arbeitsplätze. Als großen Wettbewerbsvorteil sehen dabei sieben von zehn Befragten die hochqualifizierten Mitarbeiter am Standort. Folglich ist es für die meisten auch am wichtigsten hierzulande das maritime Know-how zu erhalten. Immerhin 40 Prozent glauben, dass die deutsche Flagge über kurz oder lang durch eine europäische ersetzt wird.

Zur aktuellen Reeder-Studie erklärt Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbands Deutscher Reeder (VDR):

„Die deutschen Reeder bekennen sich klar zum Standort Deutschland als Kern ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten auf der ganzen Welt. Hochqualifizierte Mitarbeiter sind für die Reedereien ein zentraler Wettbewerbsvorteil. Mit den Fördermaßnahmen für Ausbildung und Beschäftigung, die Reedereien und Bundesregierung gemeinsam auf den Weg gebracht haben, konnten wir dieses maritime Know-how in Deutschland trotz der erheblich geschrumpften Handelsflotte bisher erhalten. Bei diesen Anstrengungen dürfen Schifffahrt und Politik nicht nachlassen. Die Reedereien nutzen dieses Know-how sehr erfolgreich, um sich noch stärker als maritime Dienstleister für Kunden in Deutschland und weltweit zu positionieren. Dabei stehen sie allein schon innerhalb Europas in knallharter Konkurrenz mit anderen Schifffahrtsnationen. Deshalb müssen Reeder und Politik die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes ständig überprüfen und anpassen, damit Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Deutschland erhalten bleiben.“

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